IMPRESSIONEN VOM #HBFVIE

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    Mittendrin statt nur dabei.

    In der Fotoschule wurde uns vor Jahren eingetrichtert, bei der Reportagefotografie ist es wichtig, “mittendrin statt nur dabei” zu sein. Im Leben ist es genauso. Man kann die aktuelle Situation in den Nachrichten, den sozialen Netzwerken verfolgen – traurig, wütend – oder man kann sich aktiv beteiligen: Mit Sachspenden, mit Geld oder mit seiner eigenen Zeit. (Ein paar Infos dazu in meinem letzten Blogpost.) Ich will meine Zeit zur Verfügung stellen, davon habe ich derzeit gerade genug. Ich will vor Ort helfen. Deshalb fahre ich vergangenen Mittwoch zum Hauptbahnhof und frage, ob Hilfe benötigt wird. Spontan werde ich zum Wasser kochen eingeteilt und versorge Flüchtlinge mit Kaffee und Tee. Hier ein paar Eindrücke, die ich persönlich vom Hauptbahnhof Wien mitgenommen habe.

    Wasser kochen mit Hindernissen.

    Wasser kochenJemand hat einen Wasserkocher gespendet, Wasseranschluss und Strom gibt es am Mittwoch noch keinen. Deshalb gehe ich mit dem Wasserkocher zuerst zu den Fast-Food-Läden und bitte um einmal Auffüllen. Ich klappere verschiedene Läden ab, alle sind sehr freundlich und kommen meiner Bitte nach. Danke an dieser Stelle für die Hilfe! Zum Kochen benötige ich Strom, gottseidank gibt es in dem Foodcourt am Hauptbahnhof auch einige Tische mit Steckdose. Das ist sicher ein merkwürdiges Bild. Doch das ist mir egal. Das Wasserkochen dauert ein paar Minuten, in jeder dieser Pausen versuche ich, all die Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten.

    Zwei Teebeutel. Vier Stück Zucker. Ein Lächeln.

    Zwei junge Syrer bitten um “Chai”. Tee. Aber bitte mit zwei Teebeuteln. Ich gieße das Wasser ein, bei der Hälfte des Plastikbechers sagt der Mann “Stop!” und gibt etwa vier Würfel Zucker dazu. Die zwei scherzen mit mir, dass sie das eine Weile wach hält. Sie lächeln. Und sind dankbar. Für einen halben Becher Tee.

    Dankbarkeit.

    Immer wieder wundern sich Flüchtlinge, dass das alles gratis ist. “Free?” Ja, free, yes. Gerührt meinen sie: “We do not know how to thank you.” Ein junger Bursche fragt, ob er ein Foto von mir und dem Verpflegungsstand machen darf. Klar. Ein älterer, hagerer Mann stützt sich auf einen Einkaufswagen, das Stehen fällt ihm sichtlich schwer. Er beobachtet das Geschehen und ist recht still. Eine Koordinatorin fragt den Mann mithilfe eines jungen Arabisch-Dolmetschers, wo er her ist. Aber offenbar wohnt er in Wien. Auch er will helfen. Sie entschuldigt und bedankt sich mehrmals. Der Mann lächelt.

    Erdnuss-Snips als Proviant.

    Ein Flüchtling geht an dem Stand vorbei, in dem Außen-Netz seines Rucksacks sehe ich zwei Handvoll Erdnuss-Snips lose als Proviant. Dort, wo man sonst eine Wasserflasche hineinpackt. Ich weiß nicht warum, aber dieses Bild treibt mir die Tränen in die Augen. Wieder Zeit zum Wasser kochen.

    “Kohlensäure kennen sie nicht.”

    WasserImmer wieder wird Wasser benötigt – am Besten kleine Flaschen stilles Wasser. “Kohlensäure kennen sie nicht.”, sagt mir jemand. Als ich gestern Wasserflaschen im Lagerraum schlichte, sind es so viele, dass ich gar nicht mehr weiß, wohin damit. Gefragt sind auch Datteln, Hummus – ideal sind abgepackte Sachen, die man leicht auf die Weiterreise mitnehmen kann.

    Das Handy als Schnittstelle zur Außenwelt.

    Ich begleite ein Mädchen aus Syrien und später einen jungen Mann aus Afghanistan zu den Steckdosen – sie wollen ihre Handys aufladen. Eine Frau drückt mir fünf SIM-Karten, Ladebons und Wien-Tickets in die Hand. Ich frage mich durch, wem ich die weitergeben kann. Bei dem Anblick der SIM-Karten werde ich sofort angesprochen und um eine gebeten, diese sind offenbar heiß begehrt.

    “Was braucht’s denn grad?”

    SpendenImmer wieder kommen PassantInnen und fragen, was gerade benötigt wird. Das ändert sich im Fünf-Minuten-Takt, weil wir so häufig mit Nachschub versorgt werden. Einmal fehlen kleine Plastiklöffel, dann sind es Bananen, einmal stilles Wasser und später Herrendeos. Ein Live-Pad und ein Google Sheet geben Auskunft über den aktuellen Bedarf. Die Seiten sind öffentlich zugänglich, jeder kann etwas hineinschreiben. Sackerlweise werden die gewünschten Dinge über den Tisch gereicht, wir kommen mit dem Schlichten gar nicht nach. Inzwischen wurde ein eigenes Lager eingerichtet (die ÖBB haben hier Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt), in dem die Spenden sortiert werden können.

    Andere Leute können zwar gerade nichts einkaufen, drücken uns aber Spenden für Zugtickets in die Hand oder sagen “I würd’ gern was dalassen – kauft’s einfach, was benötigt wird.”. Und das wirklich im Minutentakt, ich bedanke mich mehrmals bei ihnen. Sie bedanken sich, dass wir hier stehen.

    Eine Frau bringt ganze Kartons voll mit Joghurt-Drinks und Pudding vorbei. Da es keine Kühlmöglichkeit vor Ort gibt, verteilt sie alles so schnell wie möglich. Auch uns gibt sie etwas zur Stärkung – “Ihr könnt’s das sicher auch brauchen!”.

    Ordnung im Lagerraum.

    LagerraumAm Freitag helfe ich beim Spenden sortieren in dem neuen Lagerraum. Ich schlichte Handtücher, Decken, Stofftiere und Wasserflaschen. Damit man alles schnell findet, wenn wieder ein Zug ankommt oder abfährt.

    Um ins Lager zu gelangen, muss ich durch den Ruheraum voll mit Notbetten. In der Ecke steht eine Leiter, auf der Decken hängen und darauf ein Schild “Umkleide”. An Einfallsreichtum mangelt es hier nicht. Die Liegen sind alle belegt, auf den Menschen liegen Decken. Die einzige Privatsphäre, die sie derzeit haben. Erneut Tränen in meinen Augen. Ich husche in den Lagerraum.

    Panta rhei.

    InformationenImmer wieder geht jemand vom Koordinationsteam herum und informiert. – “In 30 Minuten fährt ein Zug ab, bereitet euch auf einen Ansturm im Lagerraum vor.” “In fünf Minuten kommt die Caritas mit Sachen vom Westbahnhof – wir brauchen Hilfe beim Reintragen.” Weitersagen. Ob persönlich, via Poster, Zettel oder über Social Media: Die Kommunikation funktioniert. In nur wenigen Tagen haben hier Einzelpersonen ein beachtliches Netzwerk auf die Beine gestellt. Und die Information fließt. Die Krisenkommunikation in so manchen Organisationen könnte sich da etwas abschauen.

    Mehrsprachigkeit als großer Vorteil.

    Mehrsprachige WegweiserJunge Native Speaker übersetzen Gespräche, aber auch Zettel zur Beschriftung der Lebensmittel oder Wegweiser. Andere Schriftzeichen. Geschrieben wird von rechts nach links. Jede(r) einzelne, die/der eine Fremdsprache kann, ist gefragt. Ohne diese mehrsprachen HelferInnen – selbst meist Personen mit Migrationshintergrund – wäre man aufgeschmissen.

    Vienna: Grund für ein Lächeln?

    Wir haben es in der Hand. Jetzt haben wir die Chance, Solidarität, Größe und Menschlichkeit zu zeigen. Lassen wir Vienna eine gute Station auf der Reise der Flüchtlinge sein. Eine positive Erinnerung. Grund für ein Lächeln.

    Links

    Trainofhope – Hauptbahnhof Vienna #hbfvie – Flüchtlingshilfe Wien Hauptbahnhof auf Facebook

    trainofhope | Systemli Pad – Live-Pad zur Info, welche Spenden gerade am Haupt- und am Westbahnhof benötigt werden.

    #HBFVIE Bedarf – ein Google Sheet gibt Einblick, was aktuell am Hauptbahnhof benötigt wird.

    Refugee Phrasebook – Eine Online-Sammlung nützlicher Wörter in verschiedenen Sprachen für Flüchtlinge, die gerade angekommen sind, aber auch für HelferInnen.

    KURIER 06.09.2015 – Flüchtlingshelfer am Hauptbahnhof: “Man muss schon wahnsinnig sein” – Gespräch mit Julian Pöschl, dem Hauptkoordinator der freiwilligen Helfer am Wiener Hauptbahnhof.

    Fotos

     

    © 2015, Martina Schildendorfer. All rights reserved.

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